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Seishin Yamashita
DER MORALISCHE EINFLUSS DES SHIN-BUDDHISMUS
"Unser tägliches Leben ist der richtige Weg, unsere Dankbarkeit für die Gnade Amida-Buddha's zu zeigen. Es ziemt sich daher für uns, Wahrhaftigkeit zu pflegen und nicht unser tägliches Leben für persönliche Bedürfnisse zu vergeuden."
..Es gibt junge Menschen, die sagen, dass sie eine starke Religion wünschen, eine Religion, die ihnen eine Art von Herausforderung bietet, in dem Sinne, dass sie ihre physischen, emotionellen und spirituellen Kräfte daran messen können. Dieselben Menschen behaupten gleichzeitig, dass der Shin-Buddhismus keine Religion sei, da er nicht strenge Befolgung moralischer Vorschriften lehre; sie sagen ferner, dass Shinshu ein Weg für die Schwachen sei, weil sie den Menschen nicht zur Ausführung guter Taten zwinge, um erlöst zu werden.
Und da gibt es andere junge Menschen, die dadurch verwirrt sind, dass sie gehört haben, es sei gleichgültig, wie böse, wie sündig ein Mensch auch immer sei, er ist trotzdem der Buddhaschaft sicher, denn Amida Buddha will alle erretten so, wie sie sind in ihrer Sündhaftigkeit. Wäre dies der Fall, und würde Shinshu alle Sünden vergeben und keine Basis für moralische Werte bieten, hätte der Shin-Buddhismus tatsächlich nichts für das geistige Wohl der Menschheit zu bieten. Ist dies aber die Wahrheit ?
Hier wird es gut sein, einmal die Definition der Termini zu betrachten, deren wir uns bedienen. Wenn wir von "Sünde" sprechen, beziehen wir diesen Ausdruck im Allgemeinen auf einen Mangel an moralischer Reinheit und Wahrhaftigkeit, gleichgültig, ob dieser im Herzen oder im äußeren Leben in die Erscheinung tritt, ob er in der Unterlassung oder in der
Ausführung besteht. Es gibt gewisse Aspekte der Sünde, denen gegenüber wir uns als Menschen gewöhnlich inkonsequent oder heuchlerisch verhalten.
Zum Beispiel gibt es die Befriedigung physischer Wünsche unter Umständen, die durch Gesetze oder Konvention nicht sanktioniert sind. In einem Fall mag eine Mutter, die nicht einen Pfennig besitzt, Brot stehlen zu dem alleinigen Zweck, ihr verhungerndes Kind damit zu retten. Stehlen ist eine Sünde, aber ist die Mutter moralisch schlecht ? Ein anderes Beispiel, ein Mensch mag Angst davor haben, von einem nichtsnutzigen Trunkenbold oder einem Mörder beschmutzt zu werden. Doch derselbe Mensch mag gleichzeitig einen gerissenen Unternehmer bewundern, der kein Skrupel hat und sich erfolgreich durchsetzt. Diese Bewunderung mag existieren trotz der Tatsache, dass dieser Unternehmer seine Angestellten, seine Konkurrenten seine Gläubiger unsagbare Härten aussetzt durch skrupellose Geschäfts- und Arbeitsmethoden. Dieser Unternehmer ist weitaus "sündiger" als die Mutter, die Brot gestohlen hat, aber die Mutter wird wahrscheinlich nach dem Gesetz bestraft werden, während der Unternehmer frei ausgehen wird.
Wenn sich der Begriff "Sünde" nur auf "Übel" bezieht, was bedeutet dann der Begriff "gut" ? Im allgemeinen Sinn schließt "gut" Qualitäten ein, die angenommen wurden, um irgendeine Art von Befriedigung, sei sie physisch, geistig oder moralisch, zu erzeugen. Wir gebrauchen hier den Begriff "gut" im moralischen Sinne. Von diesen Standpunkt aus betrachtet, bezieht sich "gut" auf die moralischen Vorschriften, die von den Religionsgründern festgelegt worden sind. Diese existieren in allen Religionen, wie die zehn Gebote im Christentum, der edle Achtfache Pfad im Buddhismus etc. Angesichts der Tatsache, dass diese moralischen Grundsätze einen bedeutenden Teil im religiösen Leben ausmachen, erhebt sich die Frage, welchen Platz die Moralität im Shin-Buddhismus einnimmt.
Um das Problem der Moralität im Shin-Buddhismus recht erfassen zu können, müssen wir wissen, dass der Shin-Buddhismus den Edlen Achtfachen Pfad nur wenig betont, währen ihn die orthodoxen Buddhisten als Grundbedingung
für die Verwirklichung der Buddhaschaft ansehen. Der Grund für diese Nicht-Erwähnung des Pfades ist, dass Shinran, der Gründer der Shin-Schule, nach zwanzig Jahre hindurch gemachten Anstrengungen im Sinne der konsequenten Durchführung dieser Vorschriften zu der Erkenntnis gekommen war, dass er vollkommen unfähig sei, dies wirklich zu tun. Diese Regeln für die Lebensführung waren gute Ideale, aber niemand konnte sie auch nur für einen mehr oder weniger begrenzten Zeitraum durchführen; um aber die Buddhaschaft zu verwirklichen, muss der Heilige Pfad in jedem Augenblick des Lebens konsequent befolgt werden !
Die Unmöglichkeit, den Achtfachen Pfad strikt zu befolgen, wird bereits augenscheinlich, wenn wir nur einige der Vorschriften betrachten, z.B. "Rechte Rede" schließt unbeugsame Wahrhaftigkeit zu jeder Zeit ein; "Rechte Lebensführung" ist notwendigerweise eine friedvolle, ehrenhafte und vollkommen reine Lebensführung; "Rechte Anstrengung" bedeutet vollkommene Selbstbeherrschung und Beharrlichkeit in der Erfüllung der Pflichten. Es ist augenscheinlich, dass kein Sterblicher fähig wäre auch nur eine der genannten Vorschriften auch nur für einen einzigen Tag vollkommen durchzuführen.
Buddhaschaft bedeutet absolute Vollkommenheit. Wie kann ein unvollkommener Mensch, fähig nur zu unvollkommenen Handlungen und Gedanken, durch eigene Anstrengung die Buddhaschaft erreichen ? Obwohl er immer versuchen mag, verdienstvolle und tugendhafte Taten auszuführen, wird der Mensch niemals in der Lage sein, Vollkommenheit zu verwirklichen, weil eine Vielzahl unvollkommener Handlungen nur eine Masse von Unvollkommenheiten hervorbringen wird.
Nach der Erkenntnis dieser Tatsache verließ Shinran den traditionellen Weg zur Verwirklichung der Erleuchtung und folgte einem neuen Weg: der Erleuchtung durch das Vertrauen (shinjin) in die Macht Amida Buddhas.
Wir möchten unsere Leserinnen und Leser darauf aufmerksam machen, dass anstelle des aus der christlichen Terminologie stammenden Wortes "Sünde" der buddhistische Terminus "klesa" (Skr.) oder "kilesa" (Pali) zu setzen ist. Er bedeutet "Geistesbefleckung" d.h. Gier, Hass, Verblendung, Dünkel (Hochmut), Schamlosigkeit, Gewissenlosigkeit usw. Bedauerlicherweise wird gerade im angelsächsischen (amerikanischen) Schriften der Nachkriegszeit immer wieder die christlichen Begriffe "Sünde" und "sündhaft" verwendet.
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