Walter Urschütz

Shin-Buddhismus und Landwirtschaft

Einige unserer Zuhörer werden sich vielleicht fragen, was Religion mit Landwirtschaft oder Ökologie zu tun hat, für andere mögen über diesen Zusammenhang keinerlei Zweifel bestehen. Für beide wird dieser Vortrag wahrscheinlich mehr Fragen aufwerfen, als Antworten bieten. Ich vermute, dass die meisten von uns keine Bauern sind, aber ich bin absolut sicher, dass wir alle von den Produkten der Landwirtschaft leben.

In diesem Zusammenhang ist interessant wie unterschiedlich die soziale Anerkennung des Bauern in verschiedenen Kulturen bewertet wird. Im Abendland galt der Bauer oft als dumm, schmutzig und unedel. Psychologisch gesehen haben wir es mit einer kollektiven Verdrängung, einer Unbewusstmachung der Realität zu tun. Die wertvollste Funktion wird als die wertloseste auf den Kopf gestellt. Im alten Japan hingegen scheint der Bauer höher als die Handwerker und Händler eingeschätzt worden zu sein.

Meines Wissens lehren alle Buddhistischen Richtungen, dass das menschliche Leben die kostbare Voraussetzung für alle Buddhistischen Aktivitäten ist. Die Wissenschaft der Ökologie beweist, dass alles Leben auf diesem Planeten auf etwas beruht, das wir Primärproduktion nennen. Damit ist gemeint, dass es im Grunde nur eine Energiequelle gibt, die Sonne, und nur eine Umwandlung in Nahrung, die Photosynthese der Pflanzen.

Alle anderen Energiequellen und Nahrungsmittel sind davon abgezweigt. Die vedische Religion verehrte schon vor Jahrtausenden den Sonnengott Surya im vergöttlichten Feuer Agni. Heute weiß jeder Gebildete, dass wir beim Entzünden eines Feuers lediglich die Sonnenenergie freisetzen, welche Pflanzen zu ihren Lebzeiten gespeichert haben. Für die Ernährung von Fleisch gilt der Faktor 10, das heißt, man genießt nur ein zehntel des Nährwerts der Pflanzen, die man verfüttern muss. Ganz anders ist das bei der heiligen Kuh in Indien, die Zellulose verdauen kann und daher sogar Recycling von Altpapier durchführen kann. Dass diese Kuh nicht geschlachtet wird, war für die überheblichen Abendländer lange Zeit ein Symbol der Dummheit. Heute wissen wir es besser. Ja wir wissen intellektuell, dass unsere Nahrung von der Sonne kommt, und auch das Feuer zum Kochen', aber sind wir uns dessen auch ganzheitlich bewusst? Versuchen Sie es einfach bei der nächsten Mahlzeit. Wenn ich beim Essen an die Lichtenergie und die Primärproduktion denke, stellt sich oft ein angenehmes Gefühl der Dankbarkeit ein. Probieren Sie dieses Bewusstsein einfach mal aus, und wenn es nicht funktionieren sollte, dann macht das auch nichts.

Diese Primärproduktion findet nämlich Tag für Tag seit Millionen Jahren statt ohne unsere Zutun und ohne dass wir uns dessen bewusst sein müssen. Wir könnten ebenso gut in der Illusion leben, dass unser Essen aus dem Supermarkt kommt und der Strom aus der Steckdose kommt. Manche tun das auch.

Landwirtschaft stellt unseren Versuch dar, die Primärproduktion zu steuern um höhere Erträge zu erzielen. Sie erfordert nun doch ein richtiges Bewusstsein, anderenfalls können zahlreiche Probleme die Folge sein. Wir können keine Maschinen bauen, die Licht in Nahrung umwandeln. Nur die Natur allein vollbringt diese Umwandlung.

Mein Gedankengang ist einfach folgender: wenn das menschliche Leben die Vorbedingung der Buddhistischen Wege ist, und die Primärproduktion die Vorbedingung für das menschliche Leben, dann heißt das, Sonnenlicht ist auch die Urquelle des Buddhismus. Wenn wir in kosmischen Maßstäben denken, und dies ist in der Buddhistischen Philosophie gang und gäbe, können wir sagen, dass Licht die ewige Quelle des Leben ist, nicht nur das Licht unserer Sonne, und nicht nur auf unserem Planeten.

Für uns im Abendland war die Trennung von Theologie und Naturwissenschaft ein großer Fortschritt, da sich die kirchliche Religion als behindernd in der Erkenntnis wissenschaftlicher Wahrheiten erwiesen hat. Viele von uns sind mit Recht misstrauisch, wenn Wahrheiten des Glaubens und Erkenntnis im wissenschaftlichen Sinn von jemandem vermischt werden. Aber meiner Meinung nach ist die Situation beim Buddhismus günstiger.

Die Parallele der zuvor genannten ökologischen Wahrheit zur Glaubenswahrheit des Shin-Buddhismus kann nicht übersehen werden. Das grenzenlose Licht ermöglicht in der Photosynthese grenzenloses Leben, ohne dass wir etwas dafür leisten müssen oder können.

Und Amida ; der Buddha des grenzenlosen Lichtes und des grenzenlosen Lebens gewährt seine Erlösungskraft allen Wesen, sogar die Zufluchtnahme erfolgt nicht aus der Eigenkraft (Jiriki). Auch das Bewusstsein des gerettet seins ist für uns nicht unbedingt notwendig, es wäre schon fast die Hingeburt selbst.

Nun sieht es auf den ersten Blick so aus, als wären in der Landwirtschaft doch große Anstrengungen des Menschen erforderlich, so wie in der Bibel Gott befiehlt: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen. Es gibt aber einen japanischen Ökologen, der diese Anstrengungen ablehnt, weil sie uns in die Katastrophe führen. Masanobu Fukuoka. Es würde zu ausufernd sein, seine Lehren hier darzulegen, nur die wichtigsten, die mich besonders an Shin-Buddhistische Grundsätze erinnern.

Als erstes das Eingeständnis, dass wir die Natur nicht verstehen können.

Infolge dessen ist jeder berechnende Eingriff zur Steigerung des Ertrags schädlich und schafft nur noch mehr Arbeit.

(Heute hört man immer wieder, es müsse mehr Arbeit geschaffen werden, aber in der Landwirtschaft ist das Ziel, mit möglichst geringem Aufwand möglichst reiche Ernten einzubringen, und das möglichst viele Jahrhunderte lang).

Fukuoka lehnt den Einsatz von Maschinen und Kunstdünger in der Landwirtschaft ab, da sie nur wenige Jahre den Ertrag steigern können, dann ist der Boden ruiniert.

Fukuoka lehrt die Nicht-Tun-Methode der Landwirtschaft. und meint damit nicht etwa faule Trägheit, sondern die Anwendung der Dorf-Philosophie. " Farmers preferred to live common lives, without knowledge or learning. There was no time for philosophizing. Nor was there any need. This does not mean that the farming village was without a philosophy. On the contrary, it had a very important philosophy. This was embodied in the principle that 'philosophy is unnecessary'. The farming village was above all a society of philosophers without a need for philosophy." (Fukuoka, The Natural Way of Farming, Japan Publications, Tôkyô/New York, 1985, 31) Er identifiziert die Dorf-Philosophie zwar mit der Mu-Philosophie (Mu = Nichts) aber wir können auch das Vertrauen in das Wirken der Anderen Kraft (Tariki) darin sehen.

Der letzte Vergleich zwischen Ökologie und Shin-Buddhismus, den ich heute anstelle, wird ihnen vielleicht am wenigsten gefallen.

Es geht um die Vorstellung von Mappo (Zeitalter des Niedergangs) und der befürchteten Öko-Katastrophe.

Es gibt immer weniger Ökologen, die den Zusammenbruch noch für vermeidbar halten. Durch die gewaltigen kollektiven Anstrengungen der Menschen ist die Umwelt an manchen Stellen bereits irreversibel geschädigt worden. Der Trend zu Wirtschaftswachstum, Industrialisierung und kurzfristige Ausbeutung hat sich aber sogar noch mehr verstärkt.

Genau wie die alten indischen Lehren vom Kali-Yoga vorhersagten, ist diese Mobilisierung immer grösserer Anstrengung auch mit dem Verlöschen des Dharma verknüpft. Ein leidvolles Bewusstsein der Sinnlosigkeit greift überall, besonders unter Jugendlichen immer mehr um sich. Hoffen wir, dass daraus wieder eine Dorf-Philosophie entsteht, vielleicht eine Philosophie des Globalen Dorfs.