Myoshin-Friedrich Fenzl

Die Frau im Shin-Buddhismus

Es ist hier an der Zeit einer gelegentlich in westlichen Publikationen zitierten "Unterdrückung der Frau in Japan" durch den Buddhismus zu widersprechen. Gerade in den buddhistisch geprägten Nara (710-784) und Heian (794-1185) Perioden genoss die Frau im religiösen und gesellschaftlich-kulturellen Leben großes Ansehen, das sich erst verschlechterte, als der Militäradel der Bushis oder Samurais in der Kamakura-Periode (12.Jd.) an die Macht kam. Die Verdrängung der Frau in die gesellschaftliche Inferiorität erreichte in der Tokugawa-Zeit (1603-1868) ihren Höhepunkt, als die Tokugawas sich zur Sicherung ihres Herrschaftsanspruchs auf die extrem frauenfeindliche gesellschaftsphilosophische Lehre des Neo-Konfuzianismus stützten.

Shinran Shônin und die Frauen

Der Begründer des Shin-Buddhismus Shinran Shônin (1173-1262) hatte radikal mit dem Mönchstum gebrochen und den Tendai-Tempel auf dem Hiei-san in Kyôto verlassen, als er in dem ehrwürdigen Rokkakudo-Tempel in Kyôto jenes denkwürdige mystische Erlebnis hatte, das zu einem Meilenstein in der Geschichte des Buddhismus wurde.

Nach einer 45-tägigen intensiven Versenkung erschien ihm der Bodhisattva Avalokiteshvara (Avalokiteshvara hat in China und Japan in der Gestalt der Kuan Yin oder Kannon eine Feminisierung erfahren) und verkündete Shinran, dass er sich in der Gestalt einer beeindruckenden Frau verkörpern, Glanz und Schönheit in sein Leben bringen und ihn im Augenblick des Todes nach Sukhâvatî, dem Reinen Land führen werde.

Einige Zeit später heiratete Shinran 1208 im Exil in Echigo, wohin ihn das Bakufu (Shôgunatsregierung) verbannt hatte, Eshinni, die Tochter eines kleinen Landadeligen, die ihm eine kongeniale Gattin wurde und ihm sieben Kinder gebar.

Es dürfte wohl zum ersten Mal in der Geschichte des Buddhismus gewesen sein, dass eine weibliche Heilsgestalt zum Leitbild eines buddhistischen Weisen und Heiligen wurde. Es bedeutete die Überwindung des mönchischen Antagonismus in der Frau die Gefahr für das Asketentum zu sehen. Shinrans und Eshinnis Ehe gestaltete sich überaus glücklich und beide sprachen in großer Hochachtung von einander.

Die Einführung der Priesterehe im Shin-Buddhismus war ein umwälzendes Ereignis im japanischen Buddhismus. Bis zum Jahre 1868, der sog. "Meiji-Restauration" war Jôdo Shinshû die einzige buddhistische Religionsgemeinschaft Japans, die die Priesterehe gestattete. Heute ist sie freilich im gesamten japanischen Buddhismus, mit Ausnahme einer kleinen unbedeutenden Sekte üblich.

Den zweiten entscheidenden Schritt tat Shinshû in der Zulassung der Frau zum Priesteramt. Nach einem mir vor liegenden, nicht signierten Text wurden bereits 1702 Mädchen zur Priesterausbildung zugelassen und ab den frühen Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts konnten Frauen als "kyôshi" (Lehrer) hauptverantwortlich in einem Tempel sein.

Nachdem Shinrans Sohn zum Sprecher einer Gruppe von Häretikern, der "go gyaku hôbô" geworden und dafür "exkommuniziert" worden war, übernahm Shinrans jüngste Tochter Kakushinni die Pflege des väterlichen, religiösen Erbes. Auch das ist ungewöhnlich in der buddhistischen Tradition.

Heute gehören ca.20% des shin-buddhistischen Sangha in Japan dem weiblichen Geschlecht an und auch in USA, Brasilien und Europa gibt es bereits weibliche Shin-Geistliche. Die Polin Rev.Dr.Agnes Jedrzejewska-Muraishi war Professorin für Neuropathologie an der medizinischen Fakultät der Universität Warschau. Sie leitet heute zusammen mit ihrem japanischen Gatten einen Shin-Tempel in Yokohama.

Shin-Buddhismus und Frauenbildung

Der Shin-Buddhismus hat beachtenswerte Leistungen auf dem Gebiet der weiblichen Bildung erbracht. Bereits vor der Jahrhundertwende wurden die ersten shin-buddhistischen Mädchenschulen und Frauenuniversitäten gegründet. Sicherlich waren christliche Bestrebungen ein weibliches Bildungswesen in Japan zu forcieren ein Ansporn für viele shin-buddhistische Projekte in der Mädchen - und Frauenbildung.

Aus einer 1978 erstellten Statistik des buddhistischen Bildungswesens geht hervor ,dass fünf von sechs buddhistischen Frauenuniversitäten und zehn von sechzehn Buddhistischen Frauencolleges der shin-buddhistischen Religionsgemeinschaft angehören. Eine der bedeutendsten buddhistischen Frauenuniversitäten ist die Kyôto Joshi Daigaku (Kyôto Women University) im Stadtteil Higashiyama von Kyôto. Der Autor dieses Beitrags hatte während seines ersten Japanaufenthalts 1968-1970 Gelegenheit den Betrieb dieser Universität kennenzulernen und als Tutor den Studentinnen Deutschunterricht zu erteilen.

Zu jener Zeit besuchten 5.000 Studentinnen aus allen Regionen Japans die Fakultäten der verschiedenen Lehrrichtungen dieser Bildungseinrichtung des Reinen-Landbuddhismus.